Brexit: Welche Auswirkungen müssen Existenzgründer / Unternehmer befürchten?

Brexit

Was 2016 mit einem knappen Ja (52 %) für den Brexit begann, sollte sich gerade im Jahr 2019 zu einem wahren Krimi entwickeln. Denn obwohl sich die EU und Großbritannien auf einen Deal für einen so genannten weichen Brexit geeinigt hatten, wurde dieser vom Parlament mehrfach abgelehnt. Auch der neue Premierminister Boris Johnson hatte keinen Erfolg. Zwar erreichte er bei Verhandlungen Nachbesserungen, beschlossen ist der Brexit bzw. seine Form final aber noch nicht. Eine erneute Verlängerung sieht vor, dass Großbritannien bis Ende Januar 2020 noch in der EU verbleibt. Die Neuwahlen im Dezember 2019 werden zeigen, welche Mehrheitsverhältnisse für oder gegen den Brexit-Deal vorhanden sind.
 

Noch ist nichts entscheiden!

Daher sollten Unternehmer die Entwicklung genau verfolgen und zeitnah reagieren, sobald klar ist, mit welchen konkreten Rahmenbedingungen zu rechnen ist. Dann lässt sich auch genau prüfen, inwiefern das Geschäftsmodell mit seinen Strukturen an die neue Situation angepasst werden muss.

Nach wie vor ist es immer noch nicht ausgeschlossen, dass es zu einem Brexit ohne Deal kommt (hard brexit). Dieses Szenario könnte deutsche Unternehmen empfindlich treffen. Viele, vor allem große Unternehmen, bereiten sich mittlerweile schon auf diverse Szenarien vor. Viele Selbstständige werden sich angesichts dessen fragen, ob und inwiefern ihr Unternehmen vom Brexit betroffen ist und welche Maßnahmen geprüft werden sollten.

Dieser Beitrag möchte in differenzierter Kompaktheit einen Überblick geben und aufzeigen, in welchen Bereichen Existenzgründer bzw. Selbstständige vom Brexit betroffen sein können.
 

Überblick: Der Brexit und seine Auswirkungen auf deutsche Unternehmen

  • Analyse der Ausgangslage

  • Szenarien und damit verbundene Konsequenzen

  • Welche Unternehmen sind besonders vom Brexit betroffen?

  • In welchen Bereichen ergeben sich Änderungen?

  • Checkliste: Ist mein Unternehmen vom Brexit betroffen
     

Analyse der Ausgangslage

Welche Unternehmen sind vom Brexit besonders betroffen? Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass ein Brexit ohne Abkommen für Deutschland gravierende Folgen haben kann. Besonders die Autoindustrie würde in den Fokus rücken, da Großbritannien zuletzt deutlich über 700.000 PKW importiert hat. Alle Unternehmen in diesem Bereich sollten sich auf alle möglichen Szenarien vorbereiten. Und das ist wohl auch der Fall: BMW und andere Autobauer arbeiten schon an Lösungen, mit denen sich erwartbare Verzögerungen in der Logistikkette minimieren lassen.
 

Welche Unternehmen würde ein Brexit besonders hart treffen?

Pauschal lässt sich sagen, dass vor allem ein immer noch möglicher harter Brexit Unternehmen treffen würde, die viel in das Vereinte Königreich verkaufen und dort auch Produktionsstätten betreiben bzw. einen Teil der Lieferkette abwickeln. Insofern sind alle Handelsunternehmen von einem Brexit betroffen. Bei der Deal-Lösung wären die Rahmenbedingungen aber weitaus planbarer, zumal Übergangsfristen vorgesehen sind.

Wer sich in der Phase der Existenzgründung befindet, sollte prüfen, inwiefern Großbritannien eine Rolle für die Geschäftsentwicklung und -prozesse spielt. Idealerweise sind solche strategischen Gedankenspiele bereits im Businessplan angelegt. Ein großes drohendes Problem wären Zollschranken, die zu Verzögerungen und Chaos führen könnten. Zudem könnten Zölle grundlegend dafür sorgen, dass deutsche Produkte teurer werden. Das kann es gerade für kleinere Unternehmer schwieriger machen, Produkte oder auch Dienstleistungen auf dem britischen Markt zu platzieren.

Wie stark Handelsunternehmen vom Brexit getroffen werden, hängt davon ab, ob es doch noch zu dem bereits abgelehnten Deal kommt. Daher sollten mit Blick auf mögliche Brexit Auswirkungen für Unternehmen beide Varianten differenziert betrachtet werden:
 

Variante 1: Deal mit der EU (Freihandelsabkommen)

In diesem Fall käme es wohl zu einem Freihandelsabkommen und einer Zollunion, sodass sich die Rahmenbedingungen nicht dramatisch verändern bzw. verschlechtern würden. Zudem ist eine Übergangsphase bis 2020 vorgesehen, in der der aktuelle Status Quo erhalten bleibt. Diese Zeit wäre dann zu nutzen, um sich optimal auf die neuen Bedingungen einzustellen. Nach dieser Phase ist eine Zollunion vorgesehen, sodass die Bestimmungen im Einzelnen planbar sind. Neu an dem von Boris Johnson nachverhandelten Deal ist der Wegfall des so genannten Backstop: Die Grenze Nordirlands war bis dato ein großer Knackpunkt. Nun soll Nordirland gleichzeitig im britischen Zollgebiet sein und die ausgehandelten Regeln mit der EU gelten ebenfalls. Durch die Zollunion soll gewährleistet werden, dass es an den Grenzen nicht zum Chaos kommt. Ein Freihandelsabkommen kann sicherstellen, dass sich die Rahmenbedingungen für den Handel mit GB nicht wesentlich verschlechtern.
 

Variante 2: harter Brexit ohne Abkommen

Dieses worst case Szenario ist nicht vom Tisch, solange das britische Unternehmen den Deal abgesegnet hat. Kommt es zu einem ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der EU, so stehen viele Unternehmen vor großen Herausforderungen. Gerade in der ersten Zeit ist Chaos an den Grenzen wegen notwendiger Zollkontrollen zu erwarten, wodurch sich Logistikketten verlangsamen und Termine wohl nicht mehr zuverlässig eingehalten werden.

Britische Handelsexperten gehen aber davon aus, dass es zu einer so genannte ‚smart border‘ zwischen der EU und Großbritannien geben wird. Mittels Übergangsfristen, Pragmatismus und digitalen Innovationen ließe sich wohl auch ein harter Brexit in überschaubarer Zeit in geregelte Bahnen bringen. Mögliche Zölle würden deutsche Produkte aber treuer machen, was deren Absatz deutlich erschweren wird. Angesichts dessen werden nicht wenige britische Kunden nach Alternativen suchen. Falls z.B. Onlineshopbetreiber viele Kunden im Königreich haben, werden sie ihre Preisstrategie für diesen Zielmarkt ggf. anpassen müssen, ggf. mit sinkenden Gewinnmargen. Das muss aber erst entschieden werden, wenn erste belastbare Zahlen und Entwicklungen vorliegen. Aktuell ist alles noch eher hypothetisch zu sehen.
 

Brexit: Szenarien für relevante Geschäftsfelder vorbereiten

Wer sein Geschäftsmodell optimal auf den anstehenden Brexit vorbreiten will, sollte sich vor allem mit diesen Geschäftsfeldern befassen:

  • Zoll/Warenverkehr

  • Transport und Logistik

  • Recht

  • Steuern

  • Dienstleistungsverkehr

 

Es gilt, auf der Basis von denkbaren Szenarien Lösungen für alle relevanten Bereiche zu erarbeiten. Steht dann Anfang 2020 fest, welche konkrete Form der Brexit annehmen wird, so können die erarbeiteten Maßnahmenkataloge zügig umgesetzt werden.

Tipp: Beratung der Industrie- und Handelskammer nutzen

Wer zu diesem Thema recherchiert, wird umfassende Informationen der Industrie- und Handelskammer finden. Auch eine so genannte Brexit Task Force steht bereit. Insofern sollten Geschäftsführer/Gewerbetreibende im Zweifelsfall das professionelle Beratungsangebot nutzen.


Handlungsempfehlungen für den Bereich Zoll/Warenverkehr

Gibt es einen vertraglich geregelten Brexit, so dürften sich in diesem Bereich keine allzu großen Herausforderungen ergeben. Bei einem harten Brexit kann das aber ganz anders aussehen. Geschäftsmodelle, die auf den Handel mit Großbritannien setzen, sollten sich daher möglichst frühzeitig mit Exportregeln befassen. Zu denken ist in diesem Kontext vor allem an die EORI-Nummer, Zollanmeldungen, Zolltarifnummern, Ursprungsregeln, Präferenzkalkulation und Präferenznachweise. Sollte ein deutsches Unternehmen Vormaterial aus dem Königreich und Freihandelsabkommen mit Drittländern nutzen, so würden britische Waren nicht mehr als EU-Ware angesehen. Das kann zum Verlust der Zollvergünstigung (Präferenz) führen.
 

Handlungsempfehlung für Transport und Logistik

Bislang ist es so, dass Unternehmen auf den uneingeschränkten EU-Binnenmarkt bauen können. Das wird sich ändern, falls es zu einem ungeregelten Brexit kommt. Deutsche Produktionsunternehmen oder Speditionen könnten dann nicht mehr auf den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen sowie Kapital bauen. Fällt der freie Warenverkehr ganz weg oder wird er deutlich eingeschränkt, so ist mit höheren Kosten zu rechnen. Vor allem durch den erhöhten Zeitaufwand und Mehrkosten für Zölle. Rein strategisch müssen betroffene Unternehmen überlegen, wie sie die Mehrkosten angehen wollen, ohne die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden.
 

Brexit: Diese rechtlichen Aspekte sind zu bedenken

Auch nach einem geregelten, weichen Brexit sind britisch Gerichte nicht mehr an das EU-Recht gebunden. Das gilt selbstverständlich auch für das Arbeitsrecht. Wer Mitarbeiter in Großbritannien beschäftigt oder selbst zeitweise dort tätig sein will, sollte die neuen Regelungen in Bezug auf die Einreise- und Arbeitserlaubnis prüfen. Gerade in diesem wichtigen Bereich gibt es bislang noch nicht wirklich viel Belastbares, und zwar mit Blick auf jedes mögliche Szenario für den Brexit. Unternehmen sollen relevante rechtliche Aspekte frühzeitig identifizieren. Sobald Klarheit über zukünftige Regelungen herrscht, können zielführende Maßnahmen umgesetzt werden. Eine besondere Herausforderung werden wohl grenzüberschreitende Arbeitgebergremien sein. Auch für Niederlassungen deutscher Unternehmen in Großbritannien kann es nach dem Brexit zu einer komplizierten Rechtslage kommen. Noch nicht final entschieden ist in diesem Kontext die Frage der Arbeitnehmerfreizügigkeit.
 

Brexit: Auswirkungen auf Handels- und Gewerberecht

Bei grenzüberschreitenden Geschäftstätigkeiten kann es nach dem Brexit zu Änderungen mit Blick auf die Rechnungslegung und die Abschlussprüfung in Unternehmen kommen. Das hängt im Wesentlichen davon ab, ob Großbritannien im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) bleibt. Finanzexperten gehen davon aus, dass das britische Pfund durch einen Brexit bis zu 25 % an Wert verlieren könnte. Daher wäre für die nächste Abschlusserstellung prüfenswert, ob Forderung in britischem Pfund auf einen geringeren Teilwert abgeschrieben werden können. Auf der Gegenseite wird der durch das Handelsrecht auszuweisende Gewinn belastet.

Bislang ist davon auszugehen, dass wichtige Schutzrechte wie das Patent- und Urheberrecht auch nach dem Brexit wahrscheinlich unberührt bleiben. Vor kurzer Zeit erst wurde das britische Recht an die Regelungen der EU angepasst. Insofern ist davon auszugehen, dass es im Rahmen einer vertraglichen Kooperation keine Einschnitte in diesem für Unternehmen wichtigen Bereich gibt.

Im Bereich gewerblicher Schutzrechte (Markenrechte, Lizenzverträge etc.) wird es nach dem Brexit deutliche Änderungen geben, da nicht mehr von einem Schutz auszugehen ist. Noch ist keine belastbare Lösung gefunden, sodass Produkte/Marken ggf. in Großbritannien separat anzumelden sind. Es versteht sich von selbst, dass betroffene Unternehmen vor mehr Arbeit und höheren Ausgaben stehen.
 

Checkliste: Ist mein Unternehmen vom Brexit betroffen?

  • Ja, wenn das Unternehmen Handelsbeziehungen zu Großbritannien pflegt (Speditions- oder Handelsunternehmen als Beispiele).

  • Ja, wenn in der Lieferkette britische Vorprodukte vorkommen.

  • Ja, wenn das Unternehmen eine Tochtergesellschaft in GB hat oder regelmäßig Mitarbeiter dorthin entsendet.

  • Ja, wenn Verträge mit britischen Handelspartnern bestehen: Diese unterliegen nach dem Brexit womöglich anderen Rahmenbedingungen.

  • Ja, wenn das Unternehmen genehmigungspflichtige Produkte nach GB ausführt.

  • Ja, wenn in Zukunft Vertriebsaktivitäten mit britischen Partnern geplant sind.

  • Ja, wenn das Unternehmen sich auch über britische Finanzinstitute finanziert.

  • Ja, wenn personenbezogene Daten zwischen der EU und Großbritannien ausgetauscht werden: Nach dem Brexit kann es im Königreich zu abweichenden Regelungen kommen.

     

Fazit: Was vor dem finalen Brexit für Unternehmen zu tun bleibt

Noch ist nichts Finales entschieden. Wenn auf Ihr Unternehmen mehrere Punkte aus der Checkliste zutreffen, sollten Maßnahmen für denkbare Szenarien vorbereitet werden. Falls es zu einem geregelten Brexit kommt, werden Übergangsfristen Vieles vereinfachen. Vor allem wird es dann genügend Zeit geben, sich langfristig auf die neuen Rahmenbedingungen strategisch einstellen zu können. Falls es zu einem harten, ungeregelten Brexit kommen sollte, so ließe sich ein gewisses Chaos mit wirtschaftlichen Verwerfungen wohl nicht verhindern. Es käme wohl wieder zu Zollkontrollen, flüssige Abläufe an der Grenze wären keinesfalls mehr gesichert. Durch Zölle auf deutsche Produkte könnte es schwerer werden nach dem Brexit, diese auf dem britischen Markt zu platzieren. Da es Auswirkungen auf unterschiedlichsten Ebenen geben wird, wird der Brexit Unternehmen unterschiedlich hart treffen.

Letztlich kommt es auf die Eigenarten des Geschäftsmodells bzw. die vertragliche Verwobenheit mit dem Vereinten Königreich an. Experten gehen davon aus, dass der Brexit (wie immer er auch vertraglich konkret aussieht) zu einem Ärgernis für deutsche Unternehmen wird. Er wird zu zeitraubenden Anstrengungen und Kosten für die Anpassung führen. Wirklich existenzbedrohend sollte der Brexit aber nicht werden. Je frühzeitiger sich Unternehmen für mögliche Szenarien wappnen, desto weniger dürften sie von den Folgen des Brexits betroffen sein. Und letztlich betonen nicht wenige Experten, dass das eine oder andere Geschäftsmodell sogar vom Brexit profitieren könnte.
 

Das Wichtigste auf einen Blick: Was der Brexit für Unternehmen in Deutschland bedeutet

  1. Die Checkliste oben zeigt, wann für Unternehmen in puncto Brexit Handlungsbedarf besteht

  2. Betroffen vom Brexit sind vor allem Handelsunternehmen und solche, die Niederlassungen in GB haben oder britische Vorprodukte verarbeiten

  3. Um sich bestmöglich auf den Brexit vorzubereiten, sollten strategische Maßnahmen für diverse Szenarien erarbeitet werden: Unternehmensspezifische Besonderheiten sind dabei konsequent zu beachten

  4. Bei einem vertraglich geregelten Brexit sorgen Übergangslösungen und eine Zollunion für einen reibungslosen Übergang

  5. Ein harter Brexit würde für mehr Probleme sorgen, wobei beide Seiten langfristig Interesse an einer problemlosen Kooperation haben dürften.

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