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Selbstständigkeit: Lieber langsam wachsen, als schnell scheitern

Unternehmer mit Gießkanne

Natürlich ist es verlockend: Zur großen Freiheit eines Selbstständigen winken auch satte Umsatzzahlen. Wer möchte da nicht aufs Umsatz- und Karriere-Gas-Pedal drücken und in rasantem Tempo wachsen? Allerdings bekommen Selbstständige mit Fug und Recht die Empfehlung zur Entschleunigung, denn wer langsam wächst, wächst sicherer als auf der Überholspur.
 

Svenja Hofert und das Slow-Grow-Prinzip

Die Autorin Svenja Hofert hat das Thema „Lieber langsam wachsen, als schnell scheitern“ in ihrem gleichnamigen Ratgeber für Existenzgründer und Selbstständige umfangreich beleuchtet. Mit ihrer Forderung nach einem langsamen Wachstum kehrt Svenja Hofert der gängigen Gründungstheorie ganz bewusst den Rücken, wie sie in einem Interview zu ihrem Buch offen zugibt. Mit dieser Abkehr geht auch der Tipp einher, weniger zu planen und dafür einfach mal aktiv zu werden.

Ihr Tipp: Zunächst ein kleines Projekt auf die Beine stellen und Schritt für Schritt umsetzen. Das hilft dabei Erfahrungen zu machen, Erfolge zu erzielen und auch vertretbare Fehler zu verursachen – denn der (finanzielle) Rahmen für Erfolge und Misserfolge ist überschaubar. Darüber hinaus weist dieser kleine Business-Versuch auch aus, welche Stärken und welche Schwächen der Selbstständige hat. Diese Information ist wichtig, um das Unternehmen aufzubauen, auszurichten und Schwachstellen mit Profis zu besetzen.

Svenja Hofert verwehrt sich der Annahme, dass zu einer Gründung jede Menge Eigenkapital, ein großer Investor oder ein üppiger Kredit gehören. Je weniger der Gründer hat, desto bewusster wird er mit dem Budget umgehen. Zudem schwindet das Risiko, bei einem Misserfolg viel Geld zu verlieren. Der Unternehmensstart mit angezogener Handbremse hilft auch dabei, sich selbst nicht zu überfordern. Selbst ein noch so ideenreicher Gründer wird scheitern, wenn in seiner Persönlichkeit nicht die Fähigkeiten verankert sind, die Selbstständige benötigen: Beharrlichkeit, Ausdauer, Zielstrebigkeit, Gelassenheit, Geduld, Mut und ein gewisses Maß an Risikobereitschaft – um die wichtigsten Aspekte zu nennen.

Der Kapitalbedarf richtet sich unter anderem auch nach dem Inhalt des Unternehmens: Über Erfolg oder Misserfolg einer Geschäftsidee, die marktübergreifend und international von Bedeutung ist, entscheiden das Konzept und das Kapital. Die entsprechende Persönlichkeit brauchen alle, dabei muss nicht jeder Gründer ein brillanter Vertriebsprofi sein. Es sind die Beweggründe, die zählen.
 

Geldgier ist häufig ein Grund, warum Selbstständige scheitern

Wer zu schnell zu viel möchte, der tut dies meist aus den falschen Beweggründen: aus Geldgier oder aus Ungeduld. Dabei ist nur ein nachhaltiges Firmenwachstum auch ein erfolgreiches Firmenwachstum. Wer mit Dollarzeichen in den Augen auf die Überholspur prescht, läuft Gefahr, diese wichtigen Details auf dem Weg zu vergessen:

  1.  Auf dem Weg zu mehr Einkommen ist häufig der Kunde der Leidtragende. Entweder er bekommt weniger Service, schlechtere Qualität oder muss gar mehr bezahlen. All diese Entwicklungen bringen dem Selbstständigen zwar kurzfristig mehr Einkommen. Langfristig aber zerstören sie den guten Ruf und die Kundenbindung. Und das beschert dem Selbstständigen langfristig die sichere Pleite.
     
  2. Geldgier folgt Überforderung und Frust. Wer eine steile Kurve beim Verdienst verzeichnen möchte, der muss alle am Prozess Beteiligten mitnehmen. Das bedeutet, dass der Lieferant sich auf höhere Stückzahlen vorbereitet. Auch die Mitarbeiter müssen in den Blickpunkt rücken, um zu erkennen, wann es Zeit ist, die Personaldecke aufzustocken. Passiert beides nicht, folgen Frust und Überforderung.
     
  3. Irgendetwas bleibt auf der Strecke. Die Frage ist nur, was auf der beruflichen Überholspur auf der Strecke bleibt und wann dieser Missstand sich zeigt. Fatalerweise bleibt häufig das Privatleben auf der Strecke. Auch Mitarbeiter, Kunden und das Netzwerk leiden unter dem finanziell motivierten Steilflug.
     

Wachstum ist immer unausgewogen

Kaum ein Unternehmen entsteht einfach so auf der grünen Wiese. Dabei handelt sich um Entwicklungsprozesse, die dazu führen, dass sich unternehmerische Prozesse und Strukturen ausbilden. Ein Gleichgewicht gibt es dabei nur selten. Während der Selbstständige vielleicht am Anfang noch der Mann oder die Frau für alles ist, muss dieser auch lernen, im Laufe des Unternehmensprozesses Aufgaben abzugeben. Um für diese wichtigen Schlüsselpositionen die richtige Besetzung zu finden, braucht es Zeit.

Ein Beispiel aus der Praxis: Entschließt sich ein Betrieb, sich in den folgenden sechs Monaten verstärkt ums Marketing zu kümmern, steigen im Idealfall danach die Umsätze. Nun gilt es, die Produktion zu steigern und die Kundenanfragen (eventuell mit mehr Personal) zu befriedigen. Um aus dem kurzen Marketingeffekt ein langfristiges Hoch zu kreieren, müssen Marketingaktivitäten kontinuierlich auf der Agenda stehen. Allein dieses kleine Praxisbeispiel zeigt, dass es fast unmöglich ist, alle Herausforderungen gleichzeitig zu bewältigen.
 

Fazit: Zeit und Geduld und bringen Erfolg

Wächst ein Unternehmen kontinuierlich, so haben alle Bereiche die Chance, sich anzuschließen. Dem rasanten Aufwärtstrend wie auf einer Achterbahn folgt hingegen häufig die große Ernüchterung.

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